4
Mrz
2010

Die Zukunft als Feuerwerk

Das Leben in den neo-urbanen Lebenswelten des 21. Jahrhunderts
Von Jürgen Dick

Bruchköbel – Mit Dr. Eike Wenzel vom Darmstädter Zukunftsinstitut hatte der Stadtmarketingverein eine Kapazität auf dem Gebiet der neueren Trendforschung zum „Stadtgespräch“ in das Autohaus Fischer und Kutger geladen. Rund 200 Gäste fanden sich ein, die Sitzplätze reichten kaum aus, noch über den offiziellen Startzeitpunkt hinaus strömten die Leute herein, denn das Thema versprach Spannung: „Die neo-urbanen Lebenswelten des 21. Jahrhunderts“ sollten beleuchtet werden, ein Blick in die Zukunft also war an diesem Abend versprochen.

Vortragsredner Wenzel skizzierte „Megatrends“ des bereits angebrochenen 21. Jahrhunderts: Da seien, so Wenzel, einerseits die Kernthemen Soziales, Technik, Bildung, Wirtschaft und Kultur, um die sich auch weiterhin alle gesellschaftliche Bewegung und Veränderung ranken werde. So weit, so schon oft gehört. Schaue man jedoch genauer hin, entdecke man, dass der Mensch der bereits im Gange befindlichen Zukunft sich individualisieren werde, weshalb ihm zum Beispiel die eigene Mobilität wichtig bleibe – er werde sich das Auto nicht ausreden lassen, wolle also auch in Zukunft überall hin können, wohin es ihn treibe.

Das gilt übrigens für Menschen jeden Lebensalters. So habe bereits eine „Silberne Revolution“ begonnen. Das schöne Wort bezeichnet nicht nur die zunehmende Alterung der ganzen Gesellschaft, also das, wohinein sich der ehemalige „Schülerberg“ schon seit einiger Zeit verwandelt, sondern auch den Trend, dass die alten Menschen der Zukunft immer so weiter leben werden, als seien sie „forever young“: mobil sein, reisen, chillen, Wellnesszentren besuchen. „Wellness“ wird überhaupt einen Megatrend der Zukunft darstellen. Die Menschen wollen nämlich, dass es ihnen gut geht - Trendforschung ist manchmal ganz einfach.

Aber auch dort, wo manche Menschen früher das Gefühl umtrieb, dass es ihnen anderswo besser erginge, werden sich Änderungen ergeben: „New Work“ ist ein solcher weiterer Megatrend, bei dem sich bloß blamieren würde, wer ihn etwa einfach mit „Neue Arbeit“ übersetzte. „New Work“ ist nämlich ein Anspruch. Die Arbeitswelt soll menschlicher werden – Arbeitswelt und persönliche Bedürfnisse wachsen in Zukunft zusammen. Keine festen Arbeitszeitraster mehr, Flexibilisierung, Teil- und Heimarbeit – unbestritten ist dieser Megatrend in unserer Gesellschaft bereits im Gange.

Hinzu kommt, dass man in den neuen Arbeitswelten schon seit geraumer Zeit immer mehr Frauen angesichtig wird. „Female Shift“, frei übersetzt etwa: „Verschiebung Richtung weiblich“ lautet die Bezeichnung für diesen Trend des verstärkten Strebens der Frauen in die Fabriken und an die Schreibtische. Erstaunlich ist hierbei, dass zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels dieser Begriff noch nicht einmal im bekannten Online-Wörterbuch „LEO“ aufgefunden werden konnte, also wirklich etwas gänzlich Neues darzustellen scheint.

In der Epoche des „Female Shift“ erleben Frauen einen Bedeutungszuwachs - nicht zuletzt weil sie schon seit einigen Jahren bessere Schulabschlüsse hinlegen als ihre männlichen Mitschüler. Möglicherweise ist ja auch die Tatsache, dass diesem Land eine Frau vorsteht, schon dem „Female Shift“ geschuldet.

Frauen nutzen also offensichtlich einen weiteren Megatrend, den der Bildung. Diese ist ganz wichtig, ist die „Schlüsselressource“ für das Überleben in den neo-urbanen Lebenswelten, so Wenzel. Bildung ermöglicht den Menschen, neben dem Verdienen höherer Gehälter, auch die Teilnahme am Megatrend der totalen „Connectivity“, also, kurz gesagt, des allgegenwärtigen Netzzugangs bei permanenter Flatrate.

Im Feuerwerk der Megatrends erscheinen „Ökologie“ und „Globalisierung“ dann doch schon ein bisschen wie Ladenhüter, von denen man sowieso jeden Tag in der Zeitung liest. Jedoch, so Dr. Wenzel, komme es darauf an, was man vor Ort daraus macht. Die vielbesungene Energiewende könne bald schon im eigenen Haus beginnen, das Passivhaus sei nur ein erster Schritt. In Zukunft sei vorstellbar, dass Häuser mehr Energie produzieren als sie benötigen, also ihren Besitzern das Geld verdienen, mit dem sich wiederum der Besuch von Wellness-Oasen finanzieren lässt.

Und auch die Herausforderungen der Globalisierung schreien geradezu nach lokalen Antworten.

Die Unterscheidung in „Stadt“ und „Land“ wird in Zukunft zum altbackenen Denken. Die Menschen der Zukunft leben nicht mehr in Städten und Dörfern, sondern in riesigen „Meta-Regionen“ wie z.B. dem Rhein-Main-Ballungsraum, oder in „Potenzialregionen“ oder wenigstens in sogenannten „Urbanitäts-Netzwerken“, denen dann auch z.B. Jossgrund zugerechnet werden könnte - das Internet kommt bekanntlich überall hin. Der Mensch der Zukunft werde sich als regional vernetzter Mensch begreifen, schon alleine deshalb, weil ihm sonst der Identitätsverlust drohe.

„Der Wandel wird normal“, so Dr. Wenzel, und es komme auf „das Learning daraus“ an. Die frühere Pflichtkultur sei jedoch passé, die Menschen wollten in Zukunft „Liberalität statt Oberpriester“. Doch obwohl die Menschen der neo-urbanen Zukunft nicht mehr im klassischen Raster Jugend-Familie-Alter leben werden, strebten sie dennoch nach dem „klassischen Werte-Setting“, aber das Leben werde eben vielfältiger.

Das Leben als Rush-Hour, der individuelle Lebensplan als bunte Landschaft voller aufregender Windungen, spannender Kurven und bunter Felder – die Zukunft in den neo-urbanen Lebenswelten, sie wird schlicht: schön. Bruchköbel, so wurde in der abschliessenden Gesprächsrunde deutlich, sieht sich dabei vorrangig als Teil des Rhein-Main-Ballungsraumes - so dicht dran an einer Meta-Region, da hat man eigentlich auch gar keine andere Wahl.

Der Abend im schönen Audi-Haus bei Fischer und Kutger klang dann beschwingt aus, man unterhielt sich über die Chancen der Zukunft, schrieb Wandkärtchen mit Zukunftswünschen (häufig vorkommendes Stichwort: „Vernetzung“, der Kultur, der Wirtschaft, usw.) - und der dargebotene Wein (rot wie weiss) war eine wirklich gute Wahl.

(Archiv / veröff. im "Bruchköbeler Kurier" vom 4.3.2010)

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